Arbeitsplatznahe Kompetenzentwicklung gestalten - Gestaltungskriterien für den Einsatz digitaler Assistenzsysteme zur arbeitsplatznahen Kompetenzentwicklung

Wilhelm Bauer, Maike Link und Walter Ganz

Ein wichtiger Baustein für Unternehmen, um mit den Anforderungen der Arbeitswelt umzugehen, ist die kontinuierliche und bedarfsspezifi sche Weiterbildung der Mitarbeitenden. Die Möglichkeit von arbeitsplatznahem Lernen spielt dabei eine große Rolle. Im Folgenden wird beleuchtet, welche Formen digitaler Assistenzsysteme aktuell für die gezielte Unterstützung des arbeitsplatznahen Lernprozesses eingesetzt werden und welche Gestaltungsdimensionen bei der Einführung entsprechender Systeme relevant sind. Abschließend wird der unterstützende Einsatz von Künstlicher Intelligenz zur Gestaltung bedarfs- und personenspezifi scher Lernprozesse beleuchtet.

Digitalisierung als Treiber arbeitsplatznaher Kompetenzentwicklung

Im „Future of Jobs Report 2020“ geben 94 Prozent der befragten Führungskräfte an, dass sie von ihren Mitarbeitenden eine fortlaufende Weiterbildung und den kontinuierlichen Erwerb von neuen Qualifi kationen erwarten. Neben der hohen Prozentzahl ist vor allem die Steigerung gegenüber dem Jahr 2018 – hier haben 65 Prozent der Befragten eine kontinuierliche Qualifi zierung gefordert – beachtenswert [1]. In Folge der Covid-19-Pandemie wird der digitale Wandel beschleunigt und disruptive Geschäftsmodelle verändern die Arbeitswelt mit noch größerer Dynamik. Der Qualifi zierungsbedarf, vor allem im Bereich der Future Skills, steigt dadurch weiter und macht eine kurzfristige und nachhaltige Kompetenzentwicklung notwendig [2]. Future Skills sind Fähigkeiten, die in den kommenden Jahren in allen Branchen für das Berufsleben und die gesellschaftliche Teilhabe wichtiger werden. Sie gliedern sich in „Digitale Schlüsselfähigkeiten“, „Technologische Fähigkeiten“ und „Nicht-digitale Schlüsselfähigkeiten“ [2]. Zur Bewältigung der Herausforderung gilt es in Unternehmen sowohl produktive, ressourcenoptimierte Arbeits-, als auch damit direkt verzahnte intelligente Lernsysteme zu gestalten [3, 4]. Die Gestaltung eines lernförderlichen Arbeitssystems kann beispielsweise durch den Einsatz von digitalen Lernassistenzsystemen unterstützt werden [5]. Der Begriff „digitale Lernassistenzsysteme“ beschreibt in diesem Zusammenhang zum einen digitale Assistenzsysteme, die Funktionen zur Informationsvermittlung und Weiterbildung bieten, dabei aber vorrangig zur Arbeitsunterstützung eingesetzt werden. Zum anderen sind damit digitale Assistenzsysteme gemeint, die ausschließlich für die betriebliche Weiterbildung konzipiert wurden und keine zusätzliche Arbeitsunterstützungsfunktion haben. Entsprechende Lernassistenzsysteme erweitern den Arbeitsplatz durch eine Lerninfrastruktur und ermöglichen selbstgesteuertes und -bestimmtes sowie zeit- und ortsfl exibles Lernen [6]. So soll eine fortlaufende, personen- und aufgabenspezifische Qualifizierung und Kompetenzentwicklung ermöglicht werden [7]. Technologien, wie beispielsweise Künstliche Intelligenz (KI), bieten dabei – neben großem Wertschöpfungspotenzial [8] – Unterstützung für eine bedarfs- und personenspezifi sche Weiterbildung direkt am Arbeitsplatz. Im Folgenden wird beleuchtet, welche Formen digitaler Assistenzsysteme für das arbeitsplatznahe Lernen aktuell eingesetzt werden und welche Gestaltungsdimensionen bei der Einführung entsprechender Systeme für die arbeitsplatznahe Weiterbildung wichtig sind.
 


Bild 1: Merkmale und Ausprägungen der zehn betrachteten digitalen Lernassistenzsysteme
(eigene Darstellung, *Anm.: alle genannten Ausprägungen wurden mindestens
einmal in den untersuchten Assistenzsystemen gefunden).

Einsatz digitaler Lernassistenzsysteme im Arbeitsprozess

Im Rahmen des öff entlich geförderten Verbundprojekts „Transformation der Arbeit durch Digitalisierung“ (TransWork) wurde unter anderem zum Thema digitale Werkzeuge und Assistenzsysteme geforscht. Digitale Assistenzsysteme wurden dabei sowohl im Hinblick auf den Einsatz als Arbeitsmittel als auch auf ihr Potenzial als Lernmittel untersucht. Zielsetzung der Forschungsarbeiten war die Entwicklung von Handlungs- und Entscheidungshilfen, die vor allem Normsetzungsakteure bei der Bewertung, Auswahl und Neueinführung entsprechender digitaler Assistenzsysteme unterstützen [9, 10]. In zwölf Verbundprojekten (16 Anwendungsfälle) aus dem Förderschwerpunkt „Arbeit in der digitalisierten Welt“ wurde die Vorgehensweise bei der Entwicklung und Einführung digitaler Assistenzsysteme untersucht. Datenbasis sind dabei 15 leitfadengestützte Interviews mit Unternehmensvertreterinnen und -vertretern aus zehn Verbundprojekten sowie Projektdokumentationen aus zwei Verbundprojekten. Die Auswertung erfolgte anhand einer qualitativen, kategoriengeleiteten Inhaltsanalyse der Interviewtranskripte und Projektdokumente sowie -publikationen. In den Anwendungsfällen wurde ein digitales Assistenzsystem vorrangig als Lernmittel, sechs als Arbeitsmittel und neun, je nach Einsatzgebiet und Aufgabenstellung, sowohl als Lern- wie auch als Arbeitsmittel genutzt [11]. Nachfolgend wird auf die zehn Assistenzsysteme eingegangen, die den Nutzenden Lernmöglichkeiten bieten. Ein Überblick über ausgewählte (Lern-)Merkmale der untersuchten Lernassistenzsysteme findet sich im morphologischen Kasten (Bild 1), der auf Basis von [12] durch [13, 14] erweitert und auf die Untersuchung angepasst wurde. Die identifi zierten Schwerpunkte über alle betrachteten Lernassistenzsysteme hinweg sind dabei kursiv hinterlegt. In der Auswertung zeigt sich die Vielfalt der Anwendungsmöglichkeiten, der Gestaltung sowie der Zielsetzung der eingesetzten Lernassistenzsysteme in unterschiedlichen Branchen. Die betrachteten digitalen Lernassistenzsysteme werden hauptsächlich zur kontinuierlichen Weiterbildung eingesetzt. Dies zeigt sich in den Merkmalsausprägungen Weiterführende Informationen als vorrangige Lernunterstützung, einem kontinuierlichen Nutzungsintervall sowie einer wissenserweiternden Unterstützungszielsetzung. Die Lernassistenzsysteme bieten zum Teil auch Unterstützung zum Erhalt von bestehendem Wissen oder zur Kompensation von Wissenslücken an. Je nach Arbeitssituation und Nutzendem können die Assistenzsysteme entweder selektiv (bei Problemen), periodisch (regelmäßig zu wiederkehrenden Arbeitsprozessen) oder für das Anlernen neuer Mitarbeitender genutzt werden. Bei Letzterem bietet die standardisierte Aufbereitung von Informationen über das Lernassistenzsystem die Möglichkeit relevante Aspekte für die Arbeitstätigkeit nachvollziehbar zu vermitteln sowie eine vollständige Erstunterweisung sicherzustellen.

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